Der „Lüttsche See“ und das Flettmarer Hochwasse
Wenn man sieben Jahrzehnte in einem Dorf wohnt, dann hat man sich auf gewisse Gewohnheiten im Dorfleben eingestellt,
die man nicht missen möchte, im positiven und auch im negativen Sinne.
Soll man nun das Hochwasser, das zu den Gewohnheiten in Flettmar gehört, negativ oder positiv einstufen?
Es gehört in unseren Ort alljährlich einfach dazu, man wartet schon darauf.
Wenn es in den früheren Jahren fast immer in den Monaten Februar bis März, aufgrund der Schneeschmelze im Harz auftrat,
so muss man in den letzten Jahren andere Hochwassertermine feststellen.
Warum wird nun gerade die Flettmarer Flur vom Hochwasser so stark im Mitleidenschaft gezogen?
Das in den letzten Jahrzehnten ausgebaute und teilweise begradigte

neue Flußbett kann zwar mehr Wasser aufnehmen und weiterführen,
aber die Flettmarer Allerbrücke kann das Wasser nicht so schnell durch leiten.
Es entsteht also bei besonderen Naturereignissen wie starkem Regen oder Schneeschmelzen ein Rückstau,
der dann die Flettmarer Flur sofortüberschwemmt.
Vor der Verkoppelung 1840 waren einige wenige Flettmarer Fluren durch kleine Wasserdämme geschützt.
Mit der Flettmarer Verkoppelung wurde dann der Dammbau verstärkt gefördert und fast die gesamte Ortschaft mit
einem hohen und breiten Wasserdamm umzogen.
Die ungefähren Daten dieses Dammes sind: Länge ca. 6 km, Höhe –3 m, Breite 2-5m.
Man kann es sich heute gar nicht vorstellen, wie unsere Vorfahren dieses gewaltige
Vorhaben bei den seinerzeitigen Verhältnissen bewerkstelligen konnten.
Nur ein einziges Mal, im Jahre 1946, konnte das Wasser den Damm brechen.
Ein Dammbruch im Norden von Flettmar zur Masch hin sorgte für eine große Überschwemmung.
Fast das ganze Dorf stand unter Wasser,
mehrere Ausfallstraßen waren überschwemmt.
Einige Ortsteile konnte man nur mit dem Brennetrog erreichen.
M.E. gibt es noch einen anderen Umstand, der das schnelle Überfluten der Flettmarer Flur begünstigt.
Es sind immerhin etwa 800 Morgen Acker- und Grünland, die beim mittleren bis großen Hochwasser überschwemmt sind.
Ein Jahrhunderte oder vielleicht auch Jahrtausende alter Graben führte im Osten und Südosten in Flettmar vorbei.
Er wird in Flettmar „Lüttscher See“ genannt.
Nach der Flurbereinigung 1965 hieß er vor der Aller bis zur Staatsforst
„Seebruchgraben“ und von der Staatsforst bis Päse „Harsebruchgraben“.
Dieser Graben oder Fluß dient als Entwässerungsgraben für die Okerwiesen.
Er
durchfließt die Feldmarkt von Seershausen, Hardesse, Päse und Höfen und mündet in die Aller.
Vor der Flurbereinigung war dieses Flüßchen ein idyllisches Naturreservat.
Von vielen Sträuchern und Bäumen am Rande bewachsen und begleitet von Sümpfen wand sich dieser „Lüttsche See“
in Schlagenlinie durch Wiesen und Weiden.
Durch die Flurbereinigung wurde dann aus bekannten Gründen eine Begradigung vorgenommen,

eine jährliche maschinelle Reinigung an beiden Seiten sorgte seitdem für ein „intaktes“ Aussehen.
Auch geschichtlich drehte sich früher vieles um die Wasserstraße.
Die Wiese bei der Mündung des „Lüttschen Sees“ in die Aller heißt Wallbergwiese,
Die neue Allerbrücke ist 100m entfernt und die Flur davor ist der „Sandberg“.
150 m südwärts steht das Haus Nr. 16, früher war hier eine Zollstelle.
Östlich davon war die alte Allerbrücke und auch über den „Lüttschen See“ führte eine große Brücke.
Über diese beiden Brücken vollzog sich in früheren Jahrhunderten eine reger Frachtverkehr
von der Heidmark nach Burgdorf, Hildesheim und retour.
An der Flettmarer Zollstation wurde dann der Zoll kassiert,
hier endete der Gau Flotwedel.
Die seinerzeitigen Straßen führten dann weiter zum Mahrenholtzschen Gut Brakenshof.